Aktuelles

TuK Nr. 150 (2/2016): Biblische Hermeneutik ist erschienen.

Beiträge von Ton Veerkamp, Gerhard Jankowksi, Anke Wolff-Steger, Matthias Loerbroks und Dick Boer.

Aus dem Vorwort:
150 reguläre Nummern Texte & Kontexte, ein »halbrundes« Jubiläum also –
das ist eine gute Gelegenheit für ein Innehalten. Darum widmet sich die vorliegende
Ausgabe einer hermeneutischen Fragestellung: Was bedeutet es, die Bibel
so zu lesen, wie es in dieser Zeitschrift seit bald 39 Jahren praktiziert wird? Was
hat es für uns mit der »Einheit der Schrift« auf sich, und was mit ihrer Vielfalt?
An welche Lehrer knüpft Texte & Kontexte dankbar an, und wo gibt es in der
Vergangenheit oder in der Gegenwart Impulse, die hier bislang unbeachtet geblieben
sind, die aber doch eine kritische Würdigung verdienen? Eine umfassende
Behandlung dieser Fragen ist im vorliegenden Heft natürlich nicht möglich, aber
immerhin finden Sie im folgenden mehrere Aufsätze, die einzelne Aspekte exemplarisch
beleuchten.

Die ersten beiden Artikel gehen auf Vorträge zurück, die im März dieses Jahres
bei einem Lehrhaus im »Institut für Theologie und Politik« in Münster gehalten
worden sind. Oberthema der Veranstaltung war »Ja und Nein – was die Evangelisten
einander zu sagen hätten.«

Ton Veerkamp legt dar, was die Evangelisten untereinander und mit Paulus
verbindet und worin sie auseinandergehen. Im Zentrum steht dabei die von Markus
aufgeworfene Frage: »Wie nun weiter unter einer übermächtigen Weltordnung
ohne Messias?« Spätestens mit der »Christianisierung« des Imperium Romanum
wurde diese Frage verschüttet. Doch auch im Untergrund wirkte sie
weiter, und so kann sie noch über 1900 Jahre später dabei helfen, wenn es darum
geht, die eigene Ratlosigkeit zu artikulieren. Ob dies bereits der erste Schritt ist,
der aus dem Dilemma herausführt, wird abzuwarten bleiben, aber jedenfalls gilt:
Ohne eine solche Artikulation geht es sicher nicht.

Gerhard Jankowski wendet sich der Frage zu, wie Lukas in der Apostelgeschichte
das Programm des Paulus kritisch verarbeitet. Als Lukas schrieb, war
Paulus nicht nur bereits hingerichtet worden, er war auch mit seinen Zielen in
erheblichem Maße gescheitert, seine Hoffnungen hatten sich als trügerisch erwiesen.
Die empirische Wirklichkeit in den Gemeinden hatte mit der Einheit von
Juden und Heiden, zu der es, Paulus zufolge, im Messias kommen sollte, zunehmend
weniger zu tun; von einem neuen Himmel und einer neuen Erde war nichts
zu sehen. Unter diesen Umständen versucht Lukas von Paulus zu retten, was zu
retten ist – auch um den Preis, daß er Paulus dabei stark verändert. Die Unterschiede
zwischen dem »lukanischen Paulus« und Paulus, wie er uns in seinen Briefen
entgegentritt, lassen sich verstehen, wenn die gewandelten Zeitumstände bedacht
werden, die Lukas zur Abfassung der Apostelgeschichte veranlaßten.

Anke Wolff-Steger beschäftigt sich mit dem niederländischen Exegeten Frans
Breukelman, dessen Geburtstag sich in diesen Tagen zum 100. Male jährt, und
zeichnet nach, auf wie vielfältige Weise Breukelman auch in Deutschland die Bemühungen
um biblische Theologie geprägt hat. In den Höhen des akademischen
Olymps sind seine Impulse hierzulande kaum je angekommen, aber Texte &
Kontexte verdankt ihm viel – und in biblischer Sprache kann man hinzufügen:
» ad ha-jom ha-se – bis auf den heutigen Tag«.

Matthias Loerbroks reagiert auf den Aufsatz »Die Kirche und das Alte Testament
«, in dem der Berliner Theologe Notger Slenczka dafür plädiert, die evangelische
Kirche solle sich endlich eingestehen, daß das »Alte Testament« für sie
faktisch keine kanonische Geltung mehr habe. Loerbroks stellt diesem Ansinnen
eine Thesenreihe entgegen, weist aber zugleich darauf hin, daß Slenczka ja in
vielem nur ausspricht, was tatsächlich im Denken des Kirchenvolkes (und gerade
des frommen Kirchenvolkes) erschreckend häufig zu finden ist. Wenn der Aufsatz
Slenczkas dazu beiträgt, diesen Sachverhalt wahrzunehmen und ihm dann
begründet entgegenzutreten, kann er sich als ein Segen in Verkleidung erweisen.

Dick Boer untersucht die Theologie Schleiermachers (die von Slenczka und
einem weiten Teil des deutschen Bildungsprotestantismus hoch in Ehren gehalten
wird) und zeigt, wie es möglich ist, sie nicht-religiös zu interpretieren. Schleiermacher
bietet dann eine solidarische Kritik der Aufklärung und der Revolution.
Seine Kritik galt der totalitären Tendenz der »vollendeten Aufklärung« (Kant,
Fichte, Hegel). Aufgrund der Sorge, die Eigenart des christlichen Glaubens lasse
sich den »Gebildeten« nicht mehr vermitteln, beabsichtige er, diese Eigenart in
ihren Diskurs zu »übersetzen«. – Bemerkenswert ist Schleiermachers Verhältnis
zum Judentum: scharfe Ablehnung und verständnisvolle Charakterisierung stehen
dicht nebeneinander. Das Unverständnis, das Schleiermacher gegenüber dem
Judentum zeigt, offenbart seine eigene Schwäche – sein Unvermögen, Gottverlassenheit
zu denken. Mit dem jüdischen Leiden an der Unerlöstheit der Welt
konnte er nichts anfangen. Schleiermacher neu zu denken bedeutet deshalb, nach
Auschwitz über ihn hinausdenken.

Daß die zweite von vier Nummern eines Jahrgangs erst im Dezember erscheint,
ist nicht ideal. Aber die meisten, die uns abonnieren, haben eine ungefähre Vorstellung
von den Bedingungen, unter denen die Zeitschrift produziert wird, darum
hoffen wir auf Verständnis. Möge die Lektüre der jetzt vorgelegten Aufsätze
dazu beitragen, daß die Zeit bis zum Erscheinen der Nr. 151/152 (wohl im April
oder Mai) niemandem übermäßig lang vorkomme!

Für Ihre Redaktion, im Dezember 2016 Andreas Bedenbender

 

TuK Nr. 149 (1/2016): Offenbarung des Johannes ist erschienen.

Aus dem Vorwort:

„Zum vorliegenden Heft: Die vier hier präsentierten Beiträge gehen zurück auf
Vorträge, die im März 2015 bei einem Lehrhaus zur Johannesoffenbarung im
»Institut für Theologie und Politik« in Münster gehalten worden sind. Der Genius
loci mag dem Lehrhaus zur Hilfe gekommen sein, denn genau darum ging es ja: in
der »Theologie« der Johannesoffenbarung die »Politik« hervortreten zu lassen und
gleichzeitig zu erklären, warum eine bestimmte Form politischer Analyse genau zu
dieser und keiner anderen Form theologischen Denkens gefunden hat.

Anthony Gwythers Beitrag zu Offenbarung 4–5 liest den Text auf der Grundlage
des von Ton Veerkamp entwickelten Gottesverständnisses: »Gott« ist dann
kein anderer Name für ein »höchstes Wesen«, sondern das, was in einer gegebenen
Gesellschaftsordnung den Kulminationspunkt von Autorität und Loyalität
bildet, das also, was diese Ordnung von oben her zusammenhält. In der Welt, in
der der Seher Johannes seinen Text schrieb, funktionierte die Grundordnung Roms
als Gott. Dementsprechend wird der Gott Israels in der Offenbarung zwar als
souverän, zugleich aber als nicht-handelnd dargestellt, er erscheint in verhimmelter
Form. Die versiegelte Schriftrolle, die in der Hand Gottes gesehen wird, ist im
Kontext des Siegeszuges Roms nach der Eroberung Jerusalems zu verstehen.

Gerhard Jankowski beschäftigt sich mit Offb 12–13 und 17. Diese Texte gehören
in den Bereich der Kapitel 12–18, die das Zentrum der Offenbarung des
Johannes bilden. Sie bieten eine Vision der Vernichtung des Imperium Romanum.
Die Vision schöpft aus den Büchern Daniel und Ezechiel und übernimmt von
dort die Auseinandersetzung mit »Babylon«. Einer jüdischen Auslegungstradition
folgend,deutet sie Babylon auf Rom. Eine besondere Rolle spielt dabei die
Zahlensymbolik, die auf längst vergangene politische Verhältnisse zurückgeht,
diese jedoch aktualisiert. Anspielungen auf kriegerische Ereignisse legen es nahe,
das ganze Buch in die Zeit Trajans und Hadrians zu datieren. Der Text entlarvt
Rom als eine widermenschliche Macht, die ihrem Ende entgegengehen muß, damit
Menschen menschlich leben können.

Ton Veerkamps Artikel »Prunkvolle Macht – die Wirtschaft des Römischen
Reiches« versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, warum Rom – der große
Feind, die »große Hure« – nicht nur abstieß, sondern zugleich faszinierte. Die
Gründe sind in letzter Instanz ökonomischer Natur. Die Macht und der Reichtum
Roms basierten zwar auf der unfreien Arbeit der unterjochten Völker, durch
seine Prachtentfaltung aber verstand Rom zu blenden und so das Elend vergessen
zu machen. Roms Pracht war mithin keine sinnlose Vergeudung von Ressourcen,
sondern für das Fortbestehen des politischen Systems wesentlich. Bei gründlicher
Lektüre bietet die Johannesoffenbarung auch eine Lektion in der politischen
Ökonomie Roms.

Dick Boer beschäftigt sich mit einer hermeneutischen Frage: In der Johannesoffenbarung
wird die Sprache der Gewalt gesprochen. Manche halten eine solche
Sprache von vorneherein für unchristlich, andere stoßen sich an dem Text, weil
sie in ihm den Ausdruck ohnmächtigen Hasses erkennen. Insbesondere Nietzsche
hat das Buch der Johannesoffenbarung so gelesen: als das Buch des Ressentiments
der Knechte gegen die Herren. Nietzsche hat damit auch recht. Allerdings
kam sein Blick auf die Rachephantasie der Ohnmächtigen von oben: von
den Starken, die »die da unten« nur verachten können. Johannes hingegen sieht
von unten: Die Ohnmächtigen sind die Opfer der Starken. Ihr Schrei nach Rache
kommt aus der Tiefe. Die Perspektive ist aber nicht ein Tausch der Positionen,
sondern das Ende der Macht des einen über den anderen. Die Rachephantasie
der Sklaven wird »diszipliniert«. Aber die Wut bleibt. Für die Revolution des
Namens ist die Sprache der Gewalt unverzichtbar – bis die Ohnmachtsphantasie
einer »Welt ganz anders« in Erfüllung geht.“

Die Hefte:

Nr. 150 (2/2016, 39. Jahrgang): Biblische Hermeneutik. Beiträge von Ton Veerkamp, Gerhard Jankowksi, Anke Wolff-Steger, Matthias Loerbroks und Dick Boer.

Nr. 149  (1/2016 39. Jahrgang): Offenbarung des Johannes. Beiträge von Anthony Gwyther, Gerhard Jankowski, Ton Veerkamp und Dick Boer, 60 S.

Nr. 148 (4/2015, 38. Jahrgang): Mammon – Bonhoeffer – Reformation heute. Beiträge von Ton Veerkamp, Andreas Bedenbender, Dick Boer und Ulrich Duchrow, 50 S.

Sonderheft 3 (2015): Ton Veerkamp, Das Evangelium nach Johannes, 160 S.

Nr. 145-147 (1-3/2015, 38. Jg.): Gerhard Jankowski, Das Evangelium nach Lukas, 191 S.

Nr. 144 (4/2014, 37. Jg.): Andreas Bedenbender, Ja und Nein. Das Matthäusevangelium als Gegenerzählung zur markinischen „Frohen Botschaft am Abgrund“, 64 S.

Nr. 141–143 (1–3/2014, 37. Jg.): Weiter denken. Festschrift für Ton Veerkamp zum 80. Geburtstag. Mit Beiträgen u.a. von Klara Butting, Ulrich Duchrow, Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug und Huub Oosterhuis, 148 S.

Zur Bestellung: mail@texteundkontexte.de